Sammlungs­konzept

Das Sommerpalais diente bis zum Ersten Weltkrieg als Sommerresidenz der Fürsten Reuß älterer Linie. Nach der Novemberrevolution kam es im Jahre 1919 zu einem Auseinandersetzungsvertrag und am 8. Februar 1921 in Greiz zu einem gütlichen Vergleich zwischen der Landesregierung des damaligen Volksstaates Reuß und dem Fürstenhaus Reuß älterer Linie. Mit der Unterzeichnung dieses Vertrages ging die Jahrhunderte lang in der Kapelle des Oberen Schlosses aufbewahrte Hofbibliothek und die fürstliche Kupferstichsammlung als Stiftung vom Fürstenhaus an den Staat über. So war es im Jahre 1922 möglich, im Greizer Sommerpalais ein neues Kunstmuseum, die »Stiftung der Älteren Linie des Hauses Reuß«, zu eröffnen. Seitdem beherbergt das Sommerpalais die Kunstschätze der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz und seit 1975 auch das Satiricum, eine Karikaturensammlung von landesweiter Bedeutung.

Die Büchersammlung ist in ihrem wesentlichen Teil eine planmäßige Gründung des Grafen Heinrich XI. zu Obergreiz (1722–1800, gefürstet 1778) aus der Zeit um 1747. Im fürstlichen Teil der Bibliothek finden sich aus dem 18. und 19. Jahrhundert theologische, historische und naturwissenschaftliche Werke, Enzyklopädien und Literaturzeitschriften, Reisebeschreibungen und illustrierte Bücher, Veröffentlichungen über Architektur und Gartenkunst, vor allem aber eine Sammlung von Werken der französischen Aufklärung.

In den Jahren 1921/1922 kam ein größerer Teil des Bestandes aus der Bibliothek des Geraer Fürstlichen Gymnasiums Rutheneum hinzu. Diese Bände bereicherten die Bibliothek des Sommerpalais um eine Reihe von Frühdrucken einiger deutscher Offizinen sowie von hebräischen, griechischen und lateinischen Schriften antiker Autoren.

Seit 2005 werden die wegen der Sanierung und Restaurierung ausgelagerten Bände sukzessiv zurückgeführt und dabei erstmals in eine historische Ordnung gebracht und gleichzeitig im digitalen Katalog des Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV) erfasst. Nach Abschluss der Erfassung sollen Bestandslücken erkannt und gefüllt werden. Der Bestand der Büchersammlung umfasst etwa 35.000 Titel.

Zur fürstlichen Kupferstichsammlung aus der Kapelle des Oberen Schlosses gehören etwa 7000 Schlachtenpläne, Landkarten und Stadtansichten, die meisten aus dem 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hinzu kommen zahlreiche englische, französische, niederländische und deutsche Druckgraphiken unterschiedlicher Techniken.

Den wertvollsten Teil des Kupferstichkabinetts verdankt das Sommerpalais dem Nachlass der englischen Prinzessin Elizabeth (1770–1840), der dritten Tochter König Georgs III. von Großbritannien und Irland und späteren Landgräfin von Hessen-Homburg. Um 1795 hatte Elizabeth mit der Sammlung auf Schloss Windsor begonnen, ging ihrer Sammelleidenschaft auch in den Homburger Jahren nach und arbeitete selbst nach dem Tode ihres Mannes ohne Unterlass mit Stift, Feder und Pinsel. Nach Elizabeths Tod fiel ihr künstlerischer und gesammelter Nachlass an ihre Nichte Caroline (1818–1872), die mit Fürst Heinrich XX. Reuß älterer Linie (1794–1859) verheiratet war, und gelangte um 1848 nach Greiz.

Unter den tausenden Kupferstichen sind insbesondere etwa 900 englische Schabkunstblätter hervorzuheben, mehr als die Hälfte davon entstand nach Bildnissen des Portraitmalers Joshua Reynolds. In der Regel handelt es sich um vorzügliche Abdrucke, deren Qualität Hans Singer, Kustos des Dresdner Kupferstichkabinetts, im Jahre 1920 bei der Erstellung des Greizer Katalogs mit der Sammlung des Britischen Museums verglich.

Im Nachlass der Prinzessin Elizabeth, der den absoluten Glanzpunkt der Sammlung bildet, finden sich auch einige prachtvolle Klebebände in Imperialfolio. Dazu gehört eine aus sechs Bänden bestehende illustrierte Geschichte Englands, die die Prinzessin zusammen mit ihrer Schwester Mary auf Schloss Windsor angelegt hatte. Schwerpunkt der Sammeltätigkeit Elizabeths war das Bildnis; etwa 5000 davon sind im Greizer Kupferstichkabinett erhalten.

Seit der Gründung der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz wurde der umfangreiche Bestand an Büchern und Graphiken beständig durch Ankäufe bereichert. So konnte eine Chodowiecki-Sammlung, eine kleine Kollektion italienischer und deutscher Handzeichnungen des späten 16. bis 18. Jahrhunderts sowie eine große Totentanzsammlung mit mehr als 600 Druckgraphiken und Zeichnungen angekauft werden. Der Bestand der Graphischen Sammlung umfasst 25.500 Blätter.

Das im Jahre 1975 gegründete Satiricum ist eine Spezialsammlung zeitgenössischer Karikaturen und Pressezeichnungen Ostdeutschlands. Die Voraussetzung für die Gründung des Satiricums als nationale Karikaturensammlung der DDR und eigenständige Abteilung im Sommerpalais bildeten umfangreiche Bestände an historischen Karikaturen des 17. bis 19. Jahrhunderts aus dem Besitz der Landgräfin Elizabeth. Auch aus dem Fürstenhaus selbst kamen wertvolle satirische Blätter. Ein großer Bestand an Lithographien Honoré Daumiers in alter Kolorierung wird in der Greizer Sammlung aufbewahrt. Daneben gibt es noch eine Sammlung deutscher Karikaturen aus der Zeit des Vormärz und der Revolution von 1848.

Seit der Gründung des Satiricums kamen Arbeiten aus dem »Simplicissimus« hinzu, aus dem »Wahren Jakob«, dem »Frischen Wind« und dem »Eulenspiegel«, aus der Arbeiterpresse der Zwanziger Jahre sowie Kollektionen, Nachlässe und Schenkungen. Kontinuierlich gesammelt wurden und werden aktuelle Zeugnisse satirischen Schaffens. Das Greizer Satiricum mit seiner umfassenden Spezialsammlung zählt mit zu den ausgewiesenen Karikaturenmuseen. Greiz erwarb sich noch zu Zeiten der DDR den Ruf einer »Hauptstadt der Karikatur«, den es erfolgreich verteidigte und weiter pflegt. Der Bestand des Satiricums umfasst 9.500 Karikaturen.

Von 1980 bis 1990 fanden im Greizer Sommerpalais sechs Biennalen zur Karikatur der DDR statt. Diese Tradition wird seit 1994 mit der bundesweit ausgerichteten Triennale »Karikatur, Cartoon und komische Zeichenkunst« fortgeführt.

Im Gartensaal und in der Beletage werden pro Jahr etwa sechs wechselnde Ausstellungen zu den Themenbereichen der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung und des Satiricums gezeigt. Im Gartensaal und im Festsaal finden im Sommer Konzerte, Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen statt.

Seit November 2009 besitzt die Bibliothek des Sommerpalais einen Studiensaal.